New Year’s Eve

Silvester. Der letzte Tag des Jahres. Der Tag, an dem man sich wohl idealerweise mit seinen Freunden versammelt, um gemeinsam dem neuen Jahr entgegenzuschreiten. Der Tag, an dem sich so mancher halbherzig verschiedenste Verbesserungen fürs neue Jahr vornimmt. Oder der Tag, an dem man sich nochmal ordentlich die Birne zuknallt, während am Himmel ein paar Raketen ihrerseits für Krawall sorgen. Nunja, wenn Silvester in irgendeiner Form zeigt, wie das nächste Jahr läuft, dann wird mein Jahr 2013 vermutlich ziemlich lausig.

Alles begann mehr oder weniger zuversichtlich vor ein paar Wochen. Ich hatte gehört, dass Gisborne, die östlichste Stadt Neuseelands, von den Zeitzonen her die erste Stadt weltweit ist, die ins neue Jahr startet. Drum dachte ich mir also, dass ich – wenn ich doch schon mal in Neuseeland bin – mir dann doch gleich das allererste Silvester der Welt gönnen könnte. Ich buchte einen Bus nach Gisborne und auch gleich einen Bus zur nächsten Stadt am Neujahrsmorgen, da ich keine Unterkunft mehr buchen konnte. Der Plan sah also so aus: Hochfahren, fettes Feuerwerk und Feiern am Strand, irgendwie die Nacht durchmachen und schließlich wieder um 8 Uhr morgens weiterfahren. Mit dem Planen ist das hier ja bekanntlich so eine Sache. Erfreulicherweise änderte sich mein Plan ein wenig, indem sich mir eine Freundin anschloss – Kat aus Thailand. Der Rest verlief etwa so:

5:00. Aufstehen. Nach etwa 2 Stunden Schlaf geht es jetzt nun ans Packen und Frühstücken. Bereue die ganze Sache jetzt schon, weil ich eigentlich einfach mit meinen Freunden in Wellington feiern sollte. Egal, das wird jetzt durchgezogen.

7:20. Ab geht die muntere Fahrt! Nach anfänglichen Schwierigkeiten kann ich in einem halbstündigen Rhythmus vor mich hin pennen. Steifer Nacken inbegriffen.

13:00. Zwischenstopp. Wir nutzen die Zeit, um eine Toilette aufzusuchen und irgendwo ein Mittagessen zu bekommen.

13:20. Dreiste Frechheit. Busfahrer fährt einfach mal 10 Minuten zu früh weiter, weil bei der Planung wohl was schief gegangen ist. Kat und ich kommen grade noch rechtzeitig, um zum Bus zu hetzen.

13:30. Doch wieder Bus wechseln. Gibt wohl irgendein Problem mit dem Anschluss-Bus, große Verwirrung.

13:50. Mit knapp einer halben Stunde Verspätung taucht dann doch mal unser Bus auf, ich habe auf einen normalen Bus gehofft, in dem man anständig schlafen kann, stattdessen taucht so ein popliges 12-Personen-Teil auf, das gleich mal bis auf den letzten Platz gefüllt wird und alles andere als bequem ist.

16:00. Pinkelpause. Alle Fahrgäste verlassen dankbar diese Sardinenbüchse auf Rädern.

18:00. Ankunft in Gisborne. Etwa eine Stunde zu spät, aber wenigstens hat es der Bus geschafft. Bei manchen Bergstücken hat man Angst bekommen, dass wir vielleicht schieben müssen.

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18:02. Erster Dämpfer: Fragen beim Info-Center nach, wie man heute denn am besten feiert. Die Info-Tante lacht uns aus, als sie hört, dass wir nur für eine Nacht hier sind und keine Unterkunft gebucht haben. Und es gibt heute kein offizielles Feuerwerk, erst morgen. Verstehe bis heute nicht, was dieser Mist soll.

18:30. Begebe mich in eine öffentliche Toilette, um mich umzuziehen. Selten so ein widerwärtiges stilles Örtchen gesehen, das ganze Ding steht quasi unter Wasser. Ein kleiner Junge schaut mich entgeistert an; hat wohl noch nie einen halbnackten Typen im Klo angetroffen.

18:31. Hüpfe ein wenig unbeholfen umher, bei dem Versuch meine Hose zu wechseln – ohne sie in den Bodeninhalt zu tauchen – während ein älterer Asiate genau neben mir unbekümmert vor sich hinpinkelt.

18:40. Begeben uns auf die Suche nach einem Ort, wo wir unsere Gepäckstücke abgeben können. Meine Schuhe stinken.

19:00. Gleich das erste Motel ist ein Treffer. Wir wollten ja eigentlich unsere Sachen in ein Schließfach stecken, aber so etwas gibt es in Gisborne wohl nicht. Aber für ’nen Zehner dürfen wir bei dem Motel unser Gepäck in der Küche bunkern. Haben dafür nun aber für die nächsten zwölf Stunden keinen Zugriff darauf.

19:30. Im Info-Center hieß es, dass vielleicht ein bisschen kostenlose Musik und Unterhaltung am Strand stattfinden wird. Na, so hab ich mir das doch vorgestellt! Am Strand findet sich aber nichts. Überhaupt nichts.

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20:00. Auch der erste von zwei Clubs, den man uns empfohlen hat, ist geschlossen und wird heute wohl nicht öffnen. Komme mir langsam ordentlich veräppelt vor.

20:30. Nahrungssuche beginnt vor lauter Verzweiflung. Gehen zum Pizza Hut.

21:00. Bekommen doch tatsächlich auch mal unsere Bestellung, etwa dreimal später als alle anderen. Zum Trost schiebt uns der Inder an der Kasse mit schuldbewusstem Blick noch ein gratis Zwiebel-Brot zu.

21:20. Pizza-Essen im Laternenlicht beim Info-Center, so hab ich mir das vorgestellt.

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21:30. Öffentliche Toiletten sind nun ärgerlicherweise zugesperrt. In Gisborne muss man wohl nach 21 Uhr nicht mehr pinkeln.

22:10. Wir sehen einen „Liquor-Land“ auf dem Weg zur zweiten Bar, wie cool, ist noch offen! Wollen aber erst die Bar angucken.

22:15. Setzen uns an die Bar, auch hier tote Hose.

22:50. Beschließen, dass wir mit einem Fläschchen Wein am Strand das neue Jahr begrüßen wollen, das wäre ja immerhin besser als nichts. Also ab zum „Liquor-Land“.

23:00. „Liquor-Land“ ist zu. Seit etwa 5 Sekunden.

23:30. Gehen an den Strand, hoffen auf ein wenig Feuerwerk-Action. Paar Meter nebenan lässt ein Typ ein paar Raketen los.

23:59. Gleich ist es so weit, die Spannung ist natürlich geradezu unerträglich, während wir da so gelangweilt am Strand sitzen.

00:00. Nichts passiert.

00:02. Ein paar Einwohner grölen uns „Happy New Year!“ zu. Wir laufen ein wenig am Strand lang, der Kollege lässt nochmal ein, zwei Raketen los.

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00:50. Man muss zugeben, dass es wirklich einen netten Touch hat, an Silvester am Strand entlang zu schlendern, vorbei an ein paar Lagerfeuern, einer kleinen Töle, die mir fast ins Bein beißt und an einer Hand voll Verrückten, die ins Meer rennen.

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1:00. Langsam wird’s kalt. Und der Bus kommt erst in 7 Stunden. Gut, dass auch mein Computer unantastbar weggeschlossen ist, das kann ja heiter werden.

1:30. Setzen uns an einen Baum und verweilen erst mal dort, doch das Ungeziefer vor Ort ist doch ein wenig eklig.

1:50. Mittlerweile ist jegliche Motivation verflogen und ich habe schon ein schlechtes Gewissen, dass ich die arme Kat in diese Sache mit reingezogen habe. Sie findet aber das Positive an der Sache: „Ich wollte schon immer mal wissen, wie man sich als Straßen-Penner fühlt!“

2:00. Wir ‚Straßenpenner‘ suchen das Mc Donald’s auf. Da ist es wenigstens warm.

3:00. Es ist erstaunlich, wie langsam die Zeit manchmal vergehen kann. Neben uns setzt sich eine lautstarke Gruppe von Einwohnern, die Kat ein wenig verunsichert ansehen, weil sie mit dem Kopf auf dem Tisch schläft. Ich versichere ihnen, dass es ihr gut geht und sie nur müde ist. Sie wirken ein wenig betrunken und murmeln vor sich hin, dass es sicherlich das beste wäre, einen Krankenwagen zu rufen.

3:30. Die Gruppe ist weg und keine 5 Minuten später trifft ein Krankenwagen ein. Eine Sanitäterin kommt recht zielstrebig auf uns zugelaufen und fragt nach, ob wir den Krankenwagen gerufen haben. Ich kann es nicht fassen, was ist eigentlich los mit den Leute hier?

4:00. Immer noch im Mc Donald’s. Diese dumme Krankenwagen-Aktion hat nicht gereicht, um uns loszuwerden. Diesen Effekt erzieht dann jedoch eine etwa daumengroße Kakerlake, die mir übers Bein krabbelt.

4:15. Schließlich der absolute Tiefpunkt: Um der Kälte zu entgehen und nicht irgendwelchen dummen Fragen ausgesetzt zu sein, begeben wir uns in eine offene Postannahme-Stelle, bei der wir uns einfach auf den Boden legen und eine Stunde pennen.

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5:15. Wow, das war übel. Wir gehen wieder zurück zum Strand, um Zeugen des ersten Sonnenlichts des ersten Tages diesen Jahres zu werden. Ein unglaubliches Ereignis also! (Man muss es sich einfach schön reden.)

5:45. Der Sonnenaufgang ist sogar echt noch sehenswert, langsam wird es auch wieder wärmer.

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6:30. Wir setzen uns in der Nähe vom Strand vor ’ne Bäckerstube, um uns dort ein wenig später ein Frühstück zu holen.

6:35. Schreie am Strand, ein Tumult. Fäuste fliegen, irgend so ein Halbstarker rennt zu einem Auto und haut mit seinem Kollegen ab. War wohl so eine kleine Prügelei zwischen ein paar Südamerikanern und Maoris. 10 Minuten später fahren 3 Polizei-Wagen vor und die Beamten prügeln 3 Jugendliche in einen Streifenwagen. Alles recht unterhaltsam.

7:15. Holen uns ein Sandwich und machen uns auf den Weg zurück zum Motel.

7:30. Mit dem Gepäck geht es dann wieder zurück zur Bushalte. Fühle mich ziemlich mies und freue mich darauf, wieder im Bus zu schlafen.

FAZIT: An Silvester ist es nicht wichtig, wo man feiert, sondern mit wem man feiert. Denn so lange die Gesellschaft nicht aus Kakerlaken & aggressiven Maoris besteht, dürfte alles halb so wild sein. Der Abend hätte natürlich schlimmer sein können, aber das alles kam mir so unwirklich vor, da kam keine Neues-Jahr-Stimmung auf. Tröstenderweise habe ich mitbekommen, dass das vielerorts in Neuseeland der Fall ist, die haben es alle nicht so wirklich mit dem Feuerwerk. Für ’ne ordentliche Show muss man nach Sydney.

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